Archiv für Juli 2012

Na, bestens: „Feriensommer mit Lektüre“

Wenn die letzten Fünfer des Schuljahres eingefahren sind, die Versetzung in die nächste Klassenstufe widererwarten geglückt ist und sich Kopf- und Magenschmerzen beim Gedanken an die kommende achtwöchige Schonfrist verziehen, dann will man als Schüler eigentlich nur noch eins: ungestört lesen!

Denkt sich zumindest die Stadtbibliothek Chemnitz und „lädt 11- bis 14-jährige Schüler zum Lesen“ in den „Sommerleseclub“ ein. Selbst wenn es ein paar Ferienkinder geben soll, die andere Interessen umtreiben: Was will man schon machen, wenn dem Vati die Kohle für den Ostseeurlaub fehlt und die Lokalpresse nur von Mord- und Totschlag vor der Haustür berichtet?

Also auf in die Stadtbibliothek! Denn dort haben sich die bezahlten Kulturpessimisten etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Nicht nur, dass den „Mitgliedern des Leseclubs 500 neue Thriller, Mystery- und Fantasyromane sowie Geschichten über die Liebe und das Leben zur Verfügung stehen“, also alles, von dem Erwachsene denken, dass es „Kindern“ gefällt. Nee, besser: „Wer über den Sommer mindestens drei Bücher aus dem Club-Angebot gelesen hat, erhält zur Abschlussparty des Projektes am 14. September ein Zertifikat, das im kommenden Schuljahr die Deutschnote positiv beeinflussen kann.“

Den härtesten Langweilern wird hier schon mal eine wichtige Lektion für ihre akademischen Laufbahn beigebracht: Lektüre stets als zu bewältigendes Quantum zu betrachten. Wer das innerhalb der vorgegebenen Zeit schafft und dabei die häufigsten Wendungen im Phrasengedächtnis abspeichert, tut damit nicht nur sich selbst einen Gefallen, weil nur die Regelzeit die finanzielle Unterstützung gewährt, sondern auch dem Steuerzahler, der die Bummelleser ja dennoch irgendwie alimentiert.

Die Anstrengung soll sich für die kleinen Erwachsenen auch jetzt schon lohnen, nämlich als positiver Effekt auf die Deutschnote im kommenden Schuljahr. Das stimmt zwar nicht, motiviert aber, und lehrt die Scheisser, wie man mit Hilfe von Modalverben seine Aussagen relativiert.

Was also tun, liebe Ferienkinder? Wenn es denn unbedingt Lesen sein muss, wieso nicht mal „Das Lied von Klassenfeind“ vom alten Brecht? Aber in Ruhe! Ansonsten freut sich die HC-Redaktion über sommerlochfüllende Polizeimeldungen aus den Bereichen Brandstiftung, Schmiererei und Bauernfang.

(via Freie Presse)

Vom depperten Zonen-Bazi

Tatütata, was haben wir denn da? Ein neues Zeugnis hunderter häßlicher Elaborate aus dem Hause Sachsen-Fernsehen! Wo auch sonst schonungslos, vor allem aber ohne Punkt und Komma dahingerotzt wird, was der Traudel juckt und den „südländischen Typ“ sticht, liest man heute

CFC-Spiele bis zum 12. Spieltag terminisiert.

Wenn dem SF-Redakteur also die richtigen (d.h.: überhaupt existierende) Worte nicht auf der Zunge liegen wollen, dann richtet er den Blick nach, natürlich, Österreich. Dort finden sich neben „terminisieren“ weitere, in der Zone kaum und überhaupt nicht gebrauchte Austriazismen. Präpotenz und Sacktuch zum Beispiel.

Kindheit normal: So ödet sich der Osten an

Ein Bild, drei Bände. Wir haben alle gelesen.

Als Schlagzeile funktioniert Entfremdung so:

  • Wütender Motzki Moritz: Statt neuem Vormund stellt ihm das schwule Jugendamt schwachfunkelnde Durchhaltetrophäen auf´s Regal
  • Kleiner Motorrad-Moritz ganz groß: Im Alkopoprausch hab ich meine Alte (rechts) verkloppt
  • Sandiger Mitwisser-Moritz: Sebastian (10) und ich haben doch nach oben gegraben.
  • Trauriger Movie-Moritz: Für seine Hauptrolle in der Mundartverfilmung vom „Ein Satansbraten kommt selten allein“ gab´s statt Pokale keinen Pfifferling
  • (via bild.chemnitz.de)

    Hochbegabte bedrohen unsere Enkel

    Nachdem die Freie-Presse ihre Leserschaft monatelang mit der Veröffentlichung des todsterbenslangweiligen Tagebuchs der Bachelorette Romy Hauke gequält hat, folgt nun mit dem Forschertagebuch eines Elite-Schülers die nächste Phase des Anmaunzens an die jugendliche Leserschaft. Glänzte der Internetauftritt von „Sachsens größte Tageszeitung“ bisher mit Leitartikeln zu den Themen „BRD da“, „Sack ab“ oder „Westgeld weg“, besinnt man sich nun darauf, dass Rentner Enkel haben.

    Wenn die Enkelz in einer Holzbox, zuerst ohne Fernseher, dann ohne Videotext und schließlich ohne Internet, aufgewachsen sind und sich somit ihr Geisteszustand dem ihrer Altvorderen angenähert hat, dann, ja dann interessieren sie sich sicher für die Strebergeschichten von Maximilian Häntzschel. Der ist 15jähriger Internatsschüler in Meißen und damit ebenfalls Anstaltsbevölkerung. Seine Holzbox heißt Sankt Afra und ist anders, nämlich: Hochbegabten vorbehalten und semipermebal. Man kann also rauskriechen und im Spiel Ferkelein ausprobieren, die später ausgemachte Schweinerei werden. Zum Beispiel „das politische System der BRD an der TU Dresden frühstudieren“ oder „an einem Planspiel der UN teilnehmen“. Von einem also, der sich „persönlich als einen vielseitig interessierten, selbstbewussten und bodenständigen Jugendlichen“ beschreibt, der darüber hinaus „in der Lage ist, sich selbst und auch andere Dinge zu organisieren und sich vor keinem Engagement scheut“, müssen sich die Enkel der Leser der wohl gerontologischsten Tageszeitung der ganzen Zone dozieren lassen, wie das Leben als Neunmalklug anzugehen sei. Etwa, einen Lehrpfad zu gestalten, Winzern bei der Weinlese zur Hand gehen ohne dabei betrunken zu werden oder eben eine „Forschungsexpedition der Institut für Jugendmanagement Stiftung“ zu bewältigen.


    Ich werde versuchen, täglich einen Blog-Eintrag zu verfassen und über die Expedition zu berichten. Dabei wird sich herausstellen, ob meine Erwartungen einer tatsächlichen Forschungsexpedition und keiner Urlaubsveranstaltung auch erfüllt werden.

    Wir werden dich genau beobachten!

    (via freie-presse.de)

    Brainstorming ohne Brain bei den Notwendigkreativen: Dein Viertel ist ein Berg, den die Sonne bescheint

    Ja, was ist denn das da? Ein sonnenbeschienenes Reisfeld in Südostasien, mag man denken. Oder ein Sonnenaufgang über den Teehängen von Darjeeling. Aber äh, äh. Es ist der Chemnitzer Sonnenberg. Hätte man drauf kommen können. Das heißt, wenn man von allem absieht, was man mit dem spätkapitalistischen Arbeiterviertel, also Arbeitslosenviertel, geistig in Verbindung bringt: die liebevoll verblassten Fassaden der Dimitroffstraße, die sympathisch schwankenden Jugendlichen aus den 80er-Jahren, die dauerverschuldeten, aber durchhaltebereiten Einzelhändler. Am Ende bleibt nur noch der Name selbst übrig, der aber immer noch genug Stoff zur grafischen Umsetzung hergibt, „Sonne“ und „Berg“.

    So geht Stadtteilmanagment in Armutsvierteln. In die Fenster der verlassenen Straßenzüge hängt man Kinderbilder. Den Trinkern sägt man die Parkbank ab. Und die angehenden Pleitiers der eigenen Arbeitskraft und ihre Familien unterhält man mit Straßenfesten und Zukunftswerkstätten. Und als vorläufigen Höhepunkt in Sachen zynischer Stadtteilbetreuung trägt man den Leuten an, es doch mal so zu sehen: Dein Viertel ist ein Berg, den die Sonne bescheint.

    (via sonnenberg-online.de & sachsen-fernsehen.de)